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Shooting Stars und anderes Gemüse
(Nr. 497 - vom 25. Februar 2011)
"Wer schreibt, der bleibt!" So lautet eine Stammtisch-Weisheit beim Skatspiel. Inzwischen wissen wir: Wer abschreibt, bleibt auch - zumindest, wenn der Abschreiber ein Minister ist, der es eigentlich gewohnt ist, anderen etwas vorzuschreiben. "Guttenberg bleibt Baron", so schlagzeilte die "Berliner Zeitung". Und zwar ein Baron summa cum laude, dem seine Anhänger Ehrenkränze winden, weil er nun angeblich so ehrlich zu seiner Unehrlichkeit steht... Und doch - er ist ein Gezeichneter. Ein nicht mehr Ausgezeichneter. Summa summarum bleibt nichts vom summa übrig. Seufzend wird er sich nun in einsamer Stunde der frühen Bayreuther Zeiten erinnern, als er im akademischen Elysium zu Füßen seines Meisters saß, der ihn dann väterlich verdoktorte. Dafür wurde der Über-Doktor von seinem Jünger im Vorwort der Dissertation dann auch honigsüß umschlabbert. Die Erinnerung an die weihevollen Verkündigungen "umweht" den Geistesmenschen Guttenberg "nicht nur während intellektuell dürftiger Alltagserlebnisse dauerhaft". Ja, ich weiß, hier verbietet sich jede Häme und Zyne. Man sollte Mitgefühl haben mit einem behinderten Menschen, der an dauerhaften Umwehungen leidet. Es ist zweifellos mehr als störend, wenn der Schließmuskel des Gehirns nicht mehr richtig funktioniert, so daß es zu ständigen Blähungen kommt. ("Brainstorm" nennt man das in Fachkreisen.) Selbst sein Doktortitel wurde so vom Winde verbläht. Was bleibt ihm nun, dieweil er seine intellektuell dürftigen Alltagserlebnisse erleiden muß, also während er seine Strafe absitzt in Merkels Kabinettssitzungen? Wie soll er das schadenfrohe Getuschel hinter seinem Rücken überhören, die Lästerzüngeleien seiner früheren Mit-Doktoren? Da sitzen sie neben ihm, der Dr. Westerwelle und Dr. Rösler und Dr. Ramsauer und Dr. Schäuble und Dr. de Mazière, ganz zu schweigen von der Frau Doktor an der Spitze. Ein trauriges Schicksal: Einst war er der Klassen-Primus inter pares. Nun ist er der Paria unter den ministeriellen Primaten. Einst hat er als Minister Gnadenlos Staatssekretäre, Generäle und Kapitäne erbarmungslos gefeuert beim geringsten Anfangsverdacht einer möglichen Verfehlung; doch er selbst kann als Shooting Star nicht abgeschossen werden. Schließlich ist er inzwischen Minister von BILD-Zeitungs Gnaden. Weiß doch jeder Leser dieses intellektuellen Generalanzeigers, daß er selbst in akadämliche Nöte geriete, würde man ihn auffordern, original eigene Gedanken zu fabrizieren. Deshalb läßt er sich doch tagtäglich seine Meinung vorschreiben. Dann muß er sie nur noch plagiieren. Das ist der ständig erneuerte Tagesbefehl: "BILD dir deine Meinung." Deshalb ist der Lügenbaron für das Lügenblatt unabkömmlich. Er ist gewissermaßen der Doktorvater der VolksBILDung. +++ Apropos Shooting Stars... In einigen Gazetten wurde Olaf Scholz, der Triumphator der Hamburger Wahl, schon zum neuen Star am SPD-Firmament hochgeschrieben, doch eignet der sich wenig für solch abgehobenen Phantasien. "Ich bleibe auf dem Erdboden", versprach er nach der Wahl. Schließlich reicht es völlig, wenn der Gabriel ständig als pausbäckiges Posaunen-Engelchen durch die Wolken jettet, ein Hosianna nach dem anderen schmetternd. Scholz hingegen bescheinigte sich selber im Wahlkampf stets eine sturmfeste Bodenhaftung. Er sei tief im Norddeutschen verwurzelt, versicherte er. Und tatsächlich hat er eher das Charisma eines bodenständigen Knollengemüses. Ein sozialdemokratisches Radieschen. Als solches eine ehrliche Rothaut. Doch wie's da drinnen aussieht, geht niemand was an. Richtig scharf jedenfalls ist da nichts. Kurt Tucholsky hat schon vor über 80 Jahren ein Poem verfasst über solche "Feldfrüchte" (so der Titel). Sinnend geh ich durch den Garten, Sinnend geh ich durch den Garten Als Fußnote will ich ehrenwörtlich versichern, daß ich die Vorlage plump verfälscht habe. Ich habe mir die Frechheit herausgenommen, das Gedicht an zwei Stellen leicht zu aktualisieren. "Rot- und Grün- und Schwarzbesockte" kommen bei Tucholsky nicht vor ("Gehberockte" lautet der originale, aber nicht mehr ganz passende Reim). Und die Scholzens hießen damals noch Hermann Müller und "Hilferlieschen". Das Original erschien in der "Weltbühne" vom 21. September 1926.
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