Satire-Letter Nr. 771 vom 1. September 2026
DIE UNFREIE WAHL AM KOMMENDEN SONNTAG
I.
Vor einiger Zeit, auf einem Spaziergang durch die gewesene Kulturhauptstadt Chemnitz, entdeckte ich das oben abgebildete Plakat. Es gefiel mir schon deshalb gut, weil es da einfach so herumhing ohne dass irgendeine Wahl in dem sächsischen Dritt-Metropölchen bevorstand. Auch die letzte Wahl war längst vorbei. Man hatte das „Wahlplakat“ hängen lassen, weil es offenbar niemand ernst nahm.
Das könnte man nun allerdings von fast allen Wahlplakaten sagen, die ja meist nur so vor sich hin strotzen vor lauter werbeschmusiger Nichtssagenheit. Zum Beispiel sieht man in Berlin, wo sich der Wahlkrampf noch knapp drei Wochen lang hinziehen wird, einen viertrangigen SPD-„Wettbewerber“ gepostert mit der schlichten, großflächigen Auskunft „Ich schwöre“. Okay, daneben steht noch etwas Kleingedrucktes in so winzigen Lettern, dass es im Vorbeifahren nicht zu entziffern ist. So kann ihm zumindest hinterher niemand einen Meineid vorwerfen, weil ja keiner weiß, wofür oder wogegen er sich verschworen hat. Und der Berliner CDU-Kandidat, eine irgendwie-menschgewordene Notlösung, aber immerhin kein Tennisspieler, steht allerorten plakativ in der Stadt herum mit der Behauptung: „Einer muss vernünftig sein.“ Wie schön! Bleibt nur die Frage: Was für ein „Einer“ könnte gemeint sein? Einer der vielen Wähler womöglich, der sich nicht noch einmal ein CDU-Kreuz aufbuckeln will?
II.
Aber vergessen wir die schamlos zur Schau getragenen publiken Peinlichkeiten. Ich will noch einmal auf die bevorstehende Wahl in Magdeburg und näherer Umgebung zu sprechen kommen. Ich habe mich nämlich an einer Plakat- und Anzeigen-Initiative beteiligt, die den hoffentlich noch vorhandenen Rest von sächsisch-anhaltinischen Mitdenkenden dazu aufruft, ihre Stimme den Grünen oder der SPD zu geben. Der Grund: Wenn sich diese dortigen Mini-Parteien mühsam genug über die Fünf-Prozent-Hürde hinweg ächzen könnten, wäre eine AfD-Mehrheit etwas weniger wahrscheinlich.
Und dennoch habe ich bei dieser Kampagne, die zum „taktischen Wählen“ auffordert, demokratische Bauchschmerzen. Wäre ich in Sachsen-Anhalt als Wähler registriert, würde ich wahrscheinlich eher bei den Linken mein Kreuz machen wollen. So aber taktiere ich mich selber in eine demokratische Grauzone hinein. Ich würde den Linken meine Stimme entziehen und die dann anderweitig mehr als halbherzig vergeben. Nur damit eine drohende AfD-Mehrheit verhindert wird. Doch was heißt hier „Nur“? Eben das ist das Problem.
III.
Dieses Dilemma kann ich am eigenen Beispiel verdeutlichen. Wie Sie wahrscheinlich aus meinen früheren Newslettern wissen, verbringe ich einen großen Teil des Jahres in meiner erzgebirgischen Dichter-Datsche auf einer sechs Hektar großen AfD-freien Zone. Und in der nicht ganz so AfD-freien Zone um mich herum bin ich inzwischen auch wahlberechtigt. Vor zwei Jahren ging es um die Wahl des Landrates im Landkreis Mittelsachsen. Der AfD-Kandidat lag deutlich vorne. Der CDU-Mann knapp dahinter. Die anderen Parteien chancenlos. Was habe ich gemacht? Ich wählte zum erstenmal in meinem Leben CDU. Notgedrungen freiwillig. Ich hatte keine andere Wahl.
Schon deshalb ist die AfD für mich eine anti-demokratische Partei, denn sie zwingt mich allein schon durch ihre Existenz und durch die überbordende Aah-Eff-Dämlichkeit ihrer Anhänger zu einem Wahlverhalten, das total fremdbestimmt ist. Die Wahl, die ich in der Urne einzettele, ist eigentlich nicht meine Wahl. Und das heißt zugleich: Mir wird mein demokratisches Recht auf eine freie Wahl geraubt. Ich wähle unter Zwang.
Nee, gefallen tut mir das wahrlich nicht. Und dennoch hoffe ich, dass sich am Sonntag viele, viele, viele Demokraten in Sachsen-Anhalt zu einer solch taktischen, eigentlich unfreien Wahl entschließen.
Auch wenn mir das Ganze contre-ceour geht, grüße ich Sie dennoch herzlich und wie immer auch hirnlich,