Buchholzens

Satire-Letter


Der etwas andere Kommentar

Satire-Letter 775 vom 25. September 2026

AM RANDE BEMERKT: WO BITTE IST DIE MITTE?

I.
Aus dem Untergrund der im demographischen Nirgendwo versumpfenden Regierungsparteien hört man derzeit ein mehrstimmiges Gewimmer und Gewinsel. Ein monotones Jammergejaule inmitten des Getöns und Gedröhns und Gestöhns nach den letzten Wahlen. Ein verzweifelter Hilferuf von Verschütteten, der dumpf aus den Trümmern der langsam zerbröckelnden Parteiruinen dringt: „Hallo, hört uns noch irgendjemand? Huhu! Hier sind wir! Wir sind die politische Mitte.“

Diese ominöse Mitte ist mittlerweile in den östlichen Regionen nach den Wahlen in MeckPomm und Sachsen-Anhalt dank der intensiven Bemühungen des Kanzlers nahezu ausgemerzt. Und wer trägt letztlich die Schuld an der politischen Vereinsamung der Mitte? Ganz klar: Schuld sind „die Ränder“, so das feinsinnige Ergebnis vieler Wahlanalysen. Was also kann die Mitte denn dafür? Nichts! Und es ist gerade dieses Nichts, das uns mitten hinein in die Mitte führt. Das muss ich wohl näher ausführen.

II.
Das Nichts war schon eines meiner bevorzugten Forschungsthemen. Es ist für mich ein imerwährendes Faszinosum: Handelt es sich doch beim Nichts um eine metaphysische Erscheinungsform, die allerdings nicht in Erscheinung tritt. Damit man seine Nichtexistenz zumindest versuchsweise erahnen kann, braucht das Nichts eine Umgrenzung. Es braucht einen Rand. Dann nennt man es ein Loch. 

Der berühmte Lochforscher Kurt Tucholsky hat in diesem Zusammenhang die These aufgestellt: „Ein Loch ist die Existenzform des Nichts. Es ist da, wo etwas nicht ist.“ Die neuere Chaos-Theorie, also meine, muss dem widersprechen. Es gibt eine Gegenthese zu der Behauptung, das Loch sei ein Etwas, wo nichts ist – nämlich: Ein Loch ist ein Nichts, das es zu Etwas gebracht hat. 

Wir sehen also: Ein Loch ist mehr als ein Nichts. Es ist ein Nichts mit etwas drum herum. Das ist das allgemeine Loch-Prinzip: Außen herum ist der Rand – und in der Mitte ist das Nichts. Das nennt man dann auf Phrasendeutsch die „politische Mitte“. (Die obige Illustration zeigt übrigens eine CDU-Vertretung im Weltall: ein schwarzes Loch mit hell entflammter Umrandung.)

Hilfreich ist dabei, dass wir in unseren guten Stuben meist einen großen Apparat stehen haben – mit einem rechteckigen Rand, damit in der Mitte das Nichts besser in Erscheinung treten kann. Über alle Ränder tretend, ergießt sich so das Nichts, das floskelhafte Nichts-Sagende besonders an Wahlabenden in die deutschen Fernsehzimmer. Die Inhaltlosigkeit ist der zum herrschenden Maßstab. Das Nichts wird zum Glaubensbekenntnis, zur reinen Leere.

III.
Kurt Tucholsky hat sich auch Zeit seines Lebens mit der Forschungsfrage abgequält: „Wo kommen die Löcher im Käse her?“

Inzwischen wissen wir: Er hat die Frage ganz falsch gestellt, eben weil er damals in typisch ideologischer Verblendung keinen Fernseher im Wohnzimmer hatte. Für uns, die wir ausreichend tele-geschult sind, ist die Antwort klar: Am Anfang war das Nichts – und der Käse wurde erst später drumherum geredet.

Halten wir fest: Die Mitte ist dringend auf das Drumherum angewiesen, weil sie sonst keine Mitte wäre. Jedes Loch braucht deshalb einen Rand. Wobei allerdings das Problem entsteht, dass die meisten Löcher den Rand nicht halten können. 

Und zur Zeit kriegen die Löcher den Rand nicht voll genug mit ihrem nichtigen Gelaber über „die Ränder“. Angeblich gibt es nämlich den Rand gleich in doppelter Ausfertigung: einen rechten Rand und einen linken Rand. Und von beiden hält sich man sich in der löcherlichen Mitte angeblich fern. 

Nun ja, das klappte allerdings nie so richtig. Zum rechten Rand hin kommt es immer wieder zu heftigen Annäherungsversuchen. Wenn da einer bei der CDU oder CSU nachfragte: Wo, bitte, geht’s hier zur Mitte?, dann war die Antwort stets richtungsweisend: „Immer auf der rechten Spur bleiben, am besten noch ein bisschen weiter rechts – und von da aus dann ganz scharf nach rechts abbiegen!”

Uns so machte sich die CDU irgendwann zu einer löchrigen Randerscheinung, während der rechte Rand mit jeder Wahl immer mehr in die Mitte rückte – in die Mitte der Gesellschaft, wie man so sagt. (Nun, wenn ich das Bedürfnis nach Gesellschaft verspüre, suche ich mir eine andere – zum Beispiel Sie bei meinen Auftritten; siehe die untenstehenden Termine.)

Doch ich weiß: Auch ich bin nur eine Randfigur, allerdings wohl eher eine linke. Mitte-Mäßigkeit war noch nie mein Ding. Und mit Löchern gleich welcher Art will ich möglichst wenig zu tun haben. Und damit habe ich Sie wohl genug gelöchert mit meinen lochhaften Randbemerkungen. 

Es grüßt Sie herzlich und hirnlich

PS. Und vergessen Sie bitte nicht, mit welchem vielversprechenden Nachwuchsautor Sie es hier zu tun haben. Wie schon berichtet, ist gerade mein erster Roman erschienen.
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