Satire-Letter Nr. 773 vom 11. September 2026
SEPTEMBER-GEDANKEN
Ein Dienstag war’s. Der 11. September 2001. Am heutigen Freitag, 25 Jahre später, sind unsere Gazetten randvoll mit gedenk-pflichtigen Artikeln. Soweit ich sie gelesen habe, hat Timothy Snyder in der „Süddeutschen“ den einzigen wirklich wichtigen Beitrag verfasst:
https://www.sueddeutsche.de/kultur/gastbeitrag-timothy-snyder-9-11-trump-putin-terrorismus-li.3533256
Ich habe mal in meinem Archiv geblättert. Vor 25 Jahren habe ich zwei Tage nach diesem Terror-Anschlag eine Kolumne geschrieben, die mir heute noch in weiten Teilen leider immer noch aktuell erscheint, wenn nicht sogar aktueller denn je. Die darin genannten einst so wichtigen Polit-Figuren sind allerdings fast vergessene Schemen aus einer nebulösen Vergangenheit. Ähnliche Figuren gibt es zwar immer noch, nur tragen sie heute andere Namen.
Hier also Auszüge aus dieser Kolumne vom 14. September 2001:
I.
Dies sind Nach-Gedanken. Ein Nach-Denken nach dem vorher Undenkbaren. Ein terroristischer Massenmord, ein unsägliches Massaker hat stattgefunden. Archaische Gefühle kommen hoch, auch bei ansonsten besonnenen Menschen. Ein dumpfer, lange unterdrückter Schrei dröhnt aus dem steinzeitlichen Stammhirn – und schon schreien viele mit: Rache! Rache! Rache!
Nach der dumpfen Betäubtheit, der schreckensstarren Besinnungslosigkeit der ersten Stunden kam ich langsam wieder zu Sinnen. Und ich will die Besinnung nicht wieder verlieren. Ich mache mir Gedanken. Auch da, wo sie derzeit nicht erlaubt sind. Dort, wo archaisches Gefühls-Gebot herrscht und damit zugleich Denk-Verbot. Meine Gedanken enden mit Fragezeichen. Ich bin kein Besser-Wisser, nur ein Immer-noch-Frager.
II.
Terror! Tausende von Toten unter Trümmern. „Eine Kriegserklärung gegen die zivilisierte Menschheit.“ Kanzler Schröder hat das gesagt. Und keiner widerspricht. Aber doch ist ein Widerspruch in dem von ihm Gesprochenen. Wer von der „zivilisierten Menschheit“ spricht, sagt unausgesprochen, aber dennoch sehr deutlich, dass es auch eine „unzivilisierte Menschheit“ gibt. Was Schröder mit „zivilisiert“ meint, wird klar, wenn er fortfährt: „Wir dürfen einem Rückfall in die Barbarei nicht tatenlos zusehen.“
Eine „unzivilisierte Menschheit“ ist folgerichtig eine barbarische: Nun bedeutet „Menschheit“ eine unübersehbare Vielzahl von Menschen. Wenn es also zwei Sorten von Menschheiten gibt – eine barbarische, also unzivilisierte, und eine nicht-barbarische, also zivilisierte – dann bedeutet eine „Kriegserklärung“ der einen Menschheit gegen die andere nichts anderes als einen Weltkrieg.
Sie halten das vielleicht für sprachliche Spitzfindigkeit. Und tatsächlich ist es meine Profession, spitz und findig mit der Sprache zu arbeiten, also auf das Ungesagte zu hören – auf das, was hinter dem Gesagten steckt, auf das, was unausgesprochen mitgesagt ist. Ich bin sicher: Schröder hat keinen Weltkrieg im Sinn, da wäre er ausgesprochen dagegen. Ausgesprochen vielleicht. Aber unausgesprochen?
III.
Was hat es mit der „Barbarei“, von der Schröder spricht, auf sich? Der „Barbar“ ist abgeleitet aus dem Sanskrit – barbara, „stammelnd, unverständlich redend“. Daraus wurde im Lateinischen der barbarus, womit gemeint war: ein homo incognita lingua loquens, also einer, der eine unbekannte Sprache spricht. Ein Fremder, ein Ausländer, ein Nicht-Römer, ein Irgendwie-Unmensch.
Der Barbar, der Ausländer ist es, der inländische Identität stiftet, denn indem man ihn ausgrenzt (lateinisch: de-finire), grenzt man sich ein. Man definiert nationale Gemeinsamkeit.
Bei Andreas Gryphius, einem großen Barockdichter, heißt es deshalb:
„Wer sind wir? Wir sind die,
vor denen der Barbar sinkt zitternd in die Knie.“
Das ist Identität, das erzeugt das Wir-Gefühl: die gemeinsame Abwehr des Fremden. Anders ausgedrückt: Das, was uns Angst macht, weil es uns fremd ist, gemeinsam abzuwehren.
Ein Gedanke am Rande: Deutsche Politiker bezeichnen den Nationalsozialismus in den obligaten Gedenktags-Reden oft als „Zeit der Barbarei“. Damit ist unterzüngig gesagt, dass wir Deutschen damit eigentlich gar nichts zu tun haben, weil offenbar in der Nazi-Zeit Barbaren, also außergermanische Aliens, das Land beherrschten. Und doch weiß jeder, der es noch wissen will, dass es wohl nie in diesem Land eine größere Gemeinsamkeit, ein stärkeres volksgemeinschaftliches Wir-Gefühl, eine wahrlich großdeutsche Identität gegeben hat als in jenen Heil-vollen Zeiten der „Ausmerzung des bolschewistisch-jüdischen Barbarentums“ (Originalton Goebbels).
VI.
Nun hören wir, dass zumindest zwei der arabischen Terror-Piloten in Hamburg studiert und Gast-Recht genossen haben. Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, wie das von Koch, Stoiber & Co. in der Zuwanderungs-Debatte propagandistisch ausgebeutet werden wird. Gäbe es solche Terroristen nicht, sie müssten von der Reaktion erfunden werden: Verlässlichere Bündnispartner gibt es nicht. Die einen sorgen für Ausnahme-Zeiten. Die anderen für Ausnahme-Gesetze. Das war schon zu deutschen RAF-Zeiten so. Der Rechtsstaat verkommt so immer mehr zum Rechts-Staat. Aus der anfänglichen Depression wird Repression.
Die Terror schafft Horror. Und zu nichts anderem ist Terror da: der Schrecken soll geschürt werden. Und das kann sehr schnell zum Panik-Verkauf der demokratischen Grundrechte führen. In den USA wird das gerade praktiziert: Bush verlangt etwas, das man früher ein „Ermächtigungsgesetz“ genannt hat, nämlich die Befreiung des Staats-Führers von parlamentarischer Kontrolle. Ein Fast-Debiler darf dann Krieg spielen, wie es ihm in den verqueren Sinn kommt. Und die NATO erklärt, dass sie blind alles mitmacht, was auch immer diesem texanischen Balla-balla-Männekin im halbirren Rest-Hirn herumspukt.
Auch im Bundestag hebt alles brav die Pfote, wenn zur „uneingeschränkten Solidarität“ mit den USA mitsamt wahrscheinlicher Kriegs-Option aufgerufen wird, bloß um nicht in den Verdacht zu geraten, dass man ein eigenständig denkendes, zweifelndes, nachfragendes, kontrollierendes, kurz: ein demokratisches Gewissen hat. Denn wenn man so etwas zulässt, so etwas wie demokratische Skrupel, dann hat man sich aus der Gemeinschaft der absolut Skrupellosen entfernt, also aus der viel zitierten „Gemeinschaft der Demokraten“. Man wird automatisch zum Terroristen-Sympathisanten, zum klammheimlichen Bin-Laden-Fan erklärt.
V.
Terror-Zeiten. Eine Hoch-Zeit des Platt-Pathetischen mit dem Dumpf-Deutschen. Die Wiedervereinigung uralter Totschlag-Ideologien, von Angst und Hass. Die Tot-Schlagwörter befruchten sich gegenseitig, um Panik zu erzeugen. Auf der einen Seite, also auf der „unsrigen“ Seite: „Wir“ und „das Unsere“, „das Vaterland“, „die nationale Identität“. Auf der anderen Seite: die Anderen, die Ausländer, die Zuwanderer, die Nix-gutt-sprechen-deutsch, die Barbaren. Das passt alles so grauenvoll wunderbar in die Strategie der neuen deutschen Rechten…
Vielleicht sind das der unverdaulichen Gedanken allzu viele – zwei Tage nach diesen Terror-Anschlägen, die schlagartig auch in etlichen kritischen Köpfen das Denken ausgebombt hat. Ich denke hingegen, dass dieser 11. September 2001 ein denk-würdiges Datum bleiben wird.