Satire-Letter Nr. 768 vom 22. Juli 2026


ALLES IST MÖGLICH!


I.
Ja, es stimmt, was in Kollegenkreisen gemunkelt wird: Ich habe nach langer, langer Zeit wieder einmal einige Texte für Dieter Hallervorden geschrieben und das auch noch ohne Honorar. Ich stimme nun wirklich nicht mit einigen von Hallervordens politischen Ansichten und Äußerungen überein, manchmal eher heftig im Gegenteil, aber diesmal engagiert sich der geborene Dessauer, der dort auch inzwischen ein Theater gegründet hat, mit seinem Namen und seiner Berühmtheit sehr entschieden im Wahlkampf von Sachsen-Anhalt gegen die AfD – mit Plakaten und auf Videos. Da bin ich gerne mit dabei.

Hier einer meiner Texte für ein kurzes Video, das inzwischen verfilmt ist und demnächst gesendet wird.

II.
Ein Passant bei einer Straßenumfrage, dem das Mikro vor die Nase gehalten wird:
„Mein Name ist Josef Müller, und ich werde diesmal die AfD wählen. Aber deshalb bin ich noch lange kein Rechter, wie das manche behaupten. Und ein Nazi bin ich schon gar nicht. Ich habe nur dieses ganze System und die ganzen anderen Parteien satt. Die haben uns doch ins nationale Unglück gestürzt.“

Aus dem Off meldet sich eine Stimme, und aus dem diffusen Erinnerungs-Nebel taucht das Gesicht des Großvaters auf: „Hallo Josef, hier spricht dein Opa aus dem Jenseits. Ich bin ja ein alter Anhaltiner. Und schon im März 1932, lange vor der Machtergreifung, haben wir hier die NSDAP zur stärksten Partei gemacht. Ich habe die damals auch gewählt. Aber ich war eigentlich auch kein Rechter, und ganz sicher war ich kein Nazi. Ich hatte nur dieses ganze System und die ganzen anderen Parteien satt, denn die hatten uns doch ins nationale Unglück gestürzt.“

Josef Müller: „Aber das kannst du doch nicht mit heute vergleichen, Opa!“

„Na ja, wenn du meinst. Ich hätte mir damals, als ich die NSDAP gewählt habe, doch niemals das Grauen vorstellen können, das danach möglich wurde. Das habe ich immer für unmöglich gehalten. Und dabei hatte die NSDAP schon damals auf ihre Wahlplakate geschrieben: Alles ist möglich! Oder verwechsele ich das mit heute?“

Der Passant blickt sich um und sieht plötzlich das AfD-Plakat: „Alles ist möglich!“

„Aber Opa, so was wie damals kann doch unmöglich wieder passieren.“

„Weißt du, mein lieber Enkel, das Unmögliche kann immer passieren, wenn wir zulassen, dass es passiert. Und damit verabschiede ich mich wieder ins Jenseits. Mach du aus deinem Diesseits das Richtige und nicht wie dein Opa das Falsche.“

III.
Ein anderer einstiger Kabarett-Kollege, der unermüdliche antidiktatorische ostdeutsche Widerstandskämpfer Uwe Steimle, engagiert sich nicht minder intensiv in der Sachsen-Anhalt-Wahl – allerdings für die AfD. Er trat ebenfalls in Dessau auf mit den einschlägig bekannten deutschen Nationalhelden der Partei. Und dabei missbrauchte er in schäbiger Weise das Andenken des großen Kabarettisten Werner Finck. Und das nehme ich ihm am meisten übel.
Finck kam einst in den frühen Nazi-Jahren auf die Bühne mit einem gerahmten Porträt Hitlers und fragte: „Was mache ich jetzt mit ihm? An die Wand stellen oder aufhängen?“ Unter anderem deshalb kam er dann in ein Konzentrationslager.

Doch Steimle ist als politisch brutal Verfolgter sehr viel todesmutiger und trotzt jeder westdeutschen Gestapo, die bekanntlich überall und besonders im Osten herumwimmelt. Er sinniert über das neue Portraitbild von Angela Merkel und fährt dann fort – mit dem Hinweis, „wie Werner Finck gesagt hätte“: „Warum hat sie sich im Stehen malen lassen? Weil sie ahnt, sie wird bald sitzen. Im Moment hängt sie erst mal. Und wenn alle Stränge reißen oder der Nagel bricht, dann stellen wir sie an die Wand. Uns wird schon was einfallen.“

Der Saal johlt sportpalastmäßig. Was für eine witzige und zukunftsträchtige Pointe! Erst kommt die Merkel in den Knast und dann wird sie an die Wand gestellt.

Und ich fürchte, er hat recht mit der letzten Aussage „Uns wird schon was einfallen!“. Solchen Neo-Angebräunten wie Steimle und Konsorten wird schon was einfallen. Mir fällt allerdings zu diesem Uwe Steimle, mit dem ich einige Male bei Theaterjubiläen und in Fernsehsendungen aufgetreten bin, nur noch eines ein – ein schlichter Gedanke: Was für ein postzonales Miefhirn!

Und damit soll es für heute genug sein. Es grüßt Sie herzlich und hirnlich