Buchholzens
Satire-Letter
Der etwas andere Kommentar
Satire-Letter Nr. 772 vom 8. September 2026
MAL WIEDER EINE WENDE!
In meinem schon etwas fortgeschrittenen Alter sollte man sorgsam mit dem noch verbliebenen Vorrat an Emotionen umgehen. Die Ressourcen an Wut und Hass und besonders an Liebe sind zu wertvoll, um sie allzu leichtfertig an irgendwelche zeitgeistigen politischen Subjekte oder Objekte zu verschwenden. Und dennoch hasse ich. Ich hasse es immer mehr, recht zu haben und recht zu behalten mit meinen bösartigen satirischen Überspitzungen der deutschen Wirklichkeit.
So erinnerte ich mich nach der Wahl in Sachsen-Anhalt an eines meiner frühen Bücher. Die obige Zeichnung, die den Titel verunzierte, war schon zuvor das Plakat-Motiv zu meinem ersten Nachwende-Programm. Ich hatte mir in meiner perfiden, abseitigen Fantasie diesen Titel „Wir sind was volkt“ ersonnen und meinen Freund und langjährigen Zeitungskollegen, den Karikaturisten Rainer Hachfeld (2024 leider, leider verstorben) zu dieser Illustration animiert. Das war im Jahr 1991.
Und heute, 35 Jahre später, sieht diese Zeichnung so aus als wäre sie ein aktueller Kommentar zu dem 43,8-prozentigen Ervolks-Rausch, der im östlichen Kleistland die völkische Urgemeinschaft wieder auferstehen läßt aus den sumpfigen, blaubraunen Untiefen. Un-Tiefe ist hier als etwas nicht sehr Tiefes gemeint, denn da brodelte der nationalistische Abschaum schon lange dicht unter der scheinbar demokratischen Oberfläche. Das Ergebnis einer Wende, wie ich sie in meinem damaligen Buch satirisch überzeichnet habe und die Rainer dann bildhaft gemacht hat.
Zuweilen habe ich das Gefühl, dass die Realität in diesem Lande offenbar erst einmal die Übertreibungen der Satire abwartet, um sich dann genau nach dieser Vorschrift zu richten. Verstehen Sie, dass ich mich da irgendwie schuldig fühle?!
Doch uneinsichtig wie ich als störrischer Alter nun mal bin, denke ich gar nicht daran, meine unerhörte Kassandra-Ruferei einzustellen. Denn zu den in meinem Gefühls-Reservoir sorgsam gehüteten Gemütsbewegungen gehört auch Mut. Und davon brauchen wir wohl in naher Zukunft noch reichlich, um nicht in apathischer Resignation abzuseufzen.
Das war mein etwas verspätetes Wort zum Sonntag. Es grüßt Sie herzlich und hirnlich