Ein Plakatentwurf von Klaus Vonderwerth
Kein Lebenslauf.
Nur etwas Lebensvorläufiges.
Der heute vielversprechende Nachwuchs-Autor Martin Buchholz wurde im Jahr des deutschen Heils 1942 in Berlin-Wedding geboren. Nach 1945 gehörte dieser Bezirk zum französischen Sektor. Später übersiedelte er als heimatloser Linker in den amerikanischen Sektor der besetzten Stadt, dann in den englischen Sektor.
Eine gewisse Internationalität ist ihm also nicht abzusprechen, auch wenn es ihm bis heute am eigentlich verdienten Weltruhm mangelt.
Als Schüler reiste er in den Ferien mit erhobenem Daumen durch das restliche, westliche Europa. Die teilweise recht heftige Auseinandersetzung mit der Nazi-Vergangenheit seiner Eltern und der meisten seiner Lehrer machte den gebürtigen Bio-Deutschen sehr schnell zum Neo-Europäer. Er verzichtete in seiner traurigen Beziehungsunfähigkeit schon früh auf die Liebe zum Vaterland, trieb es aber in fast schon inzestuöser Verliebtheit mit seiner Muttersprache.
Im März 1961, gleich nach dem Abitur, begann er als Redaktions-Volontär bei dem zumindest kulturell weltoffenen Berliner Boulevardblatt „Der Abend".
Buchholz als junger Reporter im Rahmen einer Recherche über das Leben von Artisten bei einem Hochseilakt ohne Netz, 20 Meter über dem Boden der damaligen „Deutschlandhalle“. Seither leidet er an Höhenangst. Sein Grinsen war dem Befehl des Fotografen auf der anderen Seite geschuldet.
Diese Zeitung ist schon lange im Abendrot des Vergessens versunken. Die meisten Presseorgane, bei denen Buchholz später als Redakteur oder als Reporter anheuerte, siechten irgendwann an einem publizistischem Organleiden dahin – von seinen kurzen Gastspielen bei „Spiegel“ und „Stern“ einmal abgesehen. In der Presse-Branche wurde es bald zur gesicherten Erkenntnis: Wo Buchholz hinschreibt, wächst irgendwann kein Blatt mehr.
Er kam damals auch in engeren Kontakt mit dem großen Kabarettisten Wolfgang Neuss. Der hatte beim „Abend“ eine gelegentliche Kolumne, die allerdings meist ein Ghostwriter verfasste (dessen Name ist der Redaktion bekannt).
Buchholz mit Aufnahmegerät zu Füßen von Wolfgang Neuss im „Studio“-Kino am Lehniner Platz, heute „Schaubühne“, 1962
Neuss hatte mitten in den eisigen Kalte-Kriegszeiten in der traulich ummauerten Frontstadt West-Berlin die Idee, dass die antikommunistische Mief-Metropole vielleicht eine politisch gedankenreichere Tageszeitung brauchen könnte. Günter Grass und Hans Magnus Enzensberger waren derselben Meinung und so konnten sie das „Spandauer Volksblatt“ für dieses Vorhaben gewinnen. Die drei wollten Buchholz, damals 22 Jahre alt, dabeihaben als Redakteur und Allround-Reporter. In der Redaktion freundete er sich mit einigen anderen jungen publizistischen Wilden an, unter anderem mit dem Karikaturisten Rainer Hachfeld, mit dem er sich später an so manches weitere Redaktionsabenteuer wagte.
Das Spandauer Experiment ging nach einem Jahr schief. Die jungen Wilden waren dem Herausgeber dann doch zu wild. Bald darauf wurden sie von Rudolf Augstein engagiert, der in West-Berlin eine linksliberale Wochenzeitschrift mit dem Titel „Heute“ etablieren wollte. Doch auch dieses Experiment scheiterte nach anderthalb Jahren und mehreren Null-Nummern am Widerspruch von John Jahr, dem einstigen Mitgesellschafter des „Spiegel“-Verlags.
Von der für damalige Zeiten großzügigen finanziellen Abfindung gründeten einige der Hinterbliebenen, darunter Buchholz, ein linkes Boulevard-Blatt, das nach dreizehn Wochen mit der Schlagzeile erschien „Wir sind pleite!“
Buchholz als Chefredakteur des ersten EXTRA-Blatts mit seiner damaligen Frau Ingrid in der Setzerei im März 1967
Immerhin halfen Augstein und zwei andere liberale Herausgeber großer Zeitschriften mehr oder minder anonym den Pleite-Schreibern immer wieder über die Runden, so dass sie einen linken Nachrichtendienst gründen und finanzieren konnten, den „Berliner Extra-Dienst", der zweimal in der Woche mit einem Umfang von etwa 32 Seiten erschien und nur an Abonnenten verschickt wurde. Die erste Ausgabe kam Ende Mai 1967 heraus. Einer der ersten Abonnenten war ein junger Student namens Benno Ohnesorg. Am 2. Juni 1967 wurde er während einer Demonstration gegen den Schah-Besuch in Berlin erschossen.
Der Extra-Dienst wurde ziemlich schnell zur APO-Postille, also zu einer Art Generalanzeiger der außerparlamentarischen Opposition. Dass zwei der Redaktionsmitglieder neben-redaktionell auch für die Stasi gearbeitet haben sollen, kam erst nach der Wende heraus. Buchholz bestreitet aber deren Einflussnahme. „Wir hatten viele Auseinandersetzungen in der Redaktion. Aber alle wussten, dass mir in meine Artikel inhaltlich keiner reinreden durfte. Ich hätte sofort meine Sachen gepackt und mich verabschiedet.“ Später stellte sich heraus, dass Buchholz wegen seiner vielen kritischen Artikel über linke Sektierergruppen, besonders über die Dogmatiker von DKP und SEW, für die Stasi ein „Beobachtungsfall“ geworden war.
Gemeinsam mit Sohn Boris, heute 57, in der Redaktion der schnell verblichenen Tageszeitung „Die Neue“.
Nun, auch dieses publizistische Experiment ging irgendwann zu Ende. Buchholz wurde dann Ressortleiter Kultur bei der „Neuen“ und bei „Pardon“, zuletzt Ökologie- und Wissenschaftsredakteur bei „konkret“.
Auf einer Zwei-Mann-Demo mit Horst Tomayer für einen „Pardon“-Bericht
Seit Herbst 1982, nach 20 Jahren am Redakteurs-Schreibtisch, veröffentlicht er sich in Solo-Programmen als sein eigener Chefredakteur auf der Bühne. Sein Stammhaus ist das Berliner Kabarett-Theater „Die Wühlmäuse“. Außerdem publiziert er auch in gedruckter Form, als satirischer Schriftsteller. Er ist seit Langem ein PEN-Bruder.
Buchholz bei seinem ersten größeren Auftritt im Rahmen der Berliner „Volksuni“, Pfingsten 1979.
Für seine Bühnenarbeit ist er reichlich ausgezeichnet worden. Im Mai 2006 wurde er nach einer Tournee mit dem Schweizer Kabarett-Preis nach Hause geschickt. „Buchholz entlarvt schonungslos die Akteure auf der Politbühne“, heißt es in der Laudatio. „Mit seinen geistreichen Gedankengängen, seiner Spielfreude und seinem Mut lässt er nichts und niemanden aus.“
1998 wurde ihm der Deutsche Kabarettpreis verliehen. Begründung der Jury: „Wortgewaltig und bissig, mit Tempo und Niveau, rhetorisch brillant und sophistisch in der Argumentation, fordert Buchholz sein Publikum von der ersten bis zur letzten Minute. Kaum einer versteht es wie er, die Sprache selbst zum Instrument der Satire zu machen.“
Hans Dieter Hüsch überreicht den Deutschen-Kleinkunstpreis. Mit Hüsch arbeitete Buchholz mehrfach zusammen im Rundfunk und im Fernsehen
Schon 1990 wurde er mit dem Deutschen Kleinkunstpreis in der Sparte „Kabarett“ beehrt. Die Fachjury von 25 Kritikern und Theaterleuten aus der Bundesrepublik, Österreich und der Schweiz begründete ihr Urteil: „Die Jury zeichnet damit einen treffsicheren Spurensucher und wortreichen Mundwerker aus, bei dem sich kritische Analyse und spaßige Denkverführung ergänzen.“
Nach dem Mauerfall war er seit 1991 ständiger Kolumnist beim umgewälzten (ost-)Deutschen Fernseh-Funk bis zu dessen „Abwicklung“. In der ARD-Satire-Sendung „Nachschlag“ war er ebenfalls im Einsatz. Auch im „Scheibenwischer“ war er zu Gast.
Gemeinsam mit Dieter Hildebrandt bei der Beerdigung ihres Freundes Peter Ensikat, März 2013.
Die meisten seiner frühen Programme wurden im Fernsehen gesendet. Er schrieb auch Drehbücher (u.a. „Die Faust in der Tasche" mit Manfred Krug für das ZDF).
Über das Privatleben von Martin Buchholz ist dem Autor dieser Zeilen wenig bekannt. Er hat offenbar aus einer früheren Ehe zwei Söhne, vier Enkel und (bislang) zwei Urenkel.
Beweisfoto: Gemeinsam mit zwei Enkelinnen und urigem Nachwuchs
Seit über 40 Jahren lebt und liebt er mit der Filmemacherin und Kulturmanagerin Harriet Eder zusammen, die auch in vielen seiner Programme Regie geführt hat.
Das sollte erst einmal reichen. Fortsetzung folgt ist zu befürchten. Vielleicht sogar zu hoffen.