Buchholzens
 

Satire-

Letter


Der etwas andere
Kommentar

Martin Buchholz

Nr. 755 vom 28. Dezember 2025




2026 – Über das Leben vor dem Tode

 

Satire-Letter Nr. 755

vom 28. Dezember 2025

 

2026 – Über das Leben vor dem Tode

 

I.

Ein neues Jahr steht vor der Tür und ich füchte, es wird da nicht stehen bleiben. Doch noch ist man viel zu sehr mit dem alten Jahr beschäftigt. Alle Fernseh-Entertainer, die sich selber irgendwie lustig finden, haben kurz vor Silvester ihren alljährlichen Großeinsatz: Ein „Jahresrückblick“ holpert und stolpert über den anderen in die nächste Saison hinein. 

Ich hingegen weigere mich, derart zurückzublicken. Dieses Jahr war politisch ohnehin nicht zum Mitansehen. Zwölf Monate lang Trump, Putin, Netanyahu & Co. mit kurzen peinlichen Merz-Intermezzi und bröckelnden Brandmauern europaweit. Warum sollte man sich so ein Jahr noch einmal anschauen? Und was die Vorausschau für 2026 angeht, sieht es nicht besser aus. Auf das kommende Jahr könnten wir eigentlich glatt verzichten.

 

II.

Eigentlich! Denn das Jahr, das uns bevorsteht, bietet schließlich nicht nur ein Biotop für irgendwelche politische Verrückte und Verbrecher und Versager… nein, es wird auch unser Jahr sein. So wie auch das nun bald vergangene Jahr das unsere war. Ein Jahr unseres Lebens. Und in dieser Hinsicht fällt mein Rückblick sehr viel freundlicher aus, obwohl ich es mit meinem Leben in den letzten zwölf Monaten nicht einfach hatte. 

Der Grund: In diesem Jahr 2025 war ich schon längst tot. Die Todesnachricht erreichte mich allerdings erst vor wenigen Tagen. Ein freundlicher Leser schrieb mir, was ihm bei einer Google-Suche von einer KI unverkünstelt mitgeteilt worden war – nämlich: „Martin Buchholz (Berliner Kabarettist & Journalist). Er wurde am 12. Mai 1942 in Berlin-Wedding geboren. Er verstarb im Dezember 2024.“

Fast 365 Tage lang war ich also ein trauernder Hinterbliebener und wusste nichts davon. Da erging es mir wie einst Mark Twain, der ebenfalls etwas verfrüht totgesagt worden war. Er teilte daraufhin der ihn umgebenden Nachwelt mit: „Die Nachricht von meinem Tod ist stark übertrieben.“ 

In meinem Fall hat das wohl auch die bei Google angestellte KI eingesehen und die vorgezogene Leichenschau dann zurückgezogen. So hat sie mich kurz vor Weihnachten wieder auferstehen lassen, wofür ich ihr ausgesprochen dankbar bin.

 

III.

Da ich nun also, dank Google worldwide nachgewiesen, noch am Leben bin, denke ich gar nicht daran, mir das neue Jahr durch die Aussicht auf eine depressive Aussichtslosigkeit totalitär zertrumpeln zu lassen. Das hätten sie doch gern, diese leb- und lieblosen Zombies, die die Schlagzeilen beherrschen und die sich von unserer Angst nähren, auf dass wir in Panik erstarrt selber zu Leblosen werden. 

Nee, auch dieses neue Jahr ist schließlich unsere Lebenszeit, und die sollten wir so lebendig wie möglich gestalten – auch und gerade im Widerstand gegen den grassierenden Wahnsinn. Helfen wir mit, dass die Vernunft, die Liebe, die Menschenfreundlichkeit nicht länger als Nischen-Existenzen in unserer verzagten Gesellschaft vegetieren.

Keiner sagt, dass das einfach sein wird. Am Leben zu sein ist nun mal nicht einfach. Tot sein wäre einfacher. Aber das habe ich, wie beschrieben, erst einmal aufgeschoben. 

Ich vermute mal, dass Sie mir in diesem Punkte zustimmen werden, und so wünsche ich Ihnen und mir ein lebensfreudiges Neues Jahr. Trotz- und motz- und kotzalledem!

 

Es grüßt Sie herzlich und hirnlich

Ihr Martin Buchholz

 

PS. Und wenn Sie dieses Pamphlet weiterverbreiten wollen, wäre es mir sehr recht. Hier der Link fürs kostenlose Abo des Satire-Letters:
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