Buchholzens
 

Satire-

Letter


Der etwas andere
Kommentar

Martin Buchholz

Nr. 759 vom 16. Februar 2026




HITZIGE KARNE-WALLUNGEN 

Satire-Letter Nr. 759 vom 16. Februar 2026

 

HITZIGE KARNE-WALLUNGEN 

 

I.

Der Rosenmontag ist mal wieder ausgebrochen. Glücherweise nur in eher südlichen Gefilden. Im hohen Norden hingegen ist man gegen solche Ausbrüche gefeit (so auch in Hamburg, wo ich übrigens am Sonnabend auf der Bühne stehe; noch gibt’s Restkarten, siehe mein PS). Und in meiner Heimatstadt Berlin könnte man Konfetti bestenfalls zur Glatteis-Zerstreuung gebrauchen. 

 

Das schmerzt natürlich all die armen Bonner Heimatvertriebenen, die vor ein paar Jahrzehnten zwangsweise in den Berliner Reichstag umgesiedelt wurden. Jene urigen Wessis, die sich als einzige mit geographischem Fug und Recht als wirkliche West-Deutsche fühlen dürfen, hofften sie auf die Toleranz einer Berliner Republik, die es ihnen gestatten würde, ihre Identität als ethnische Minderheit wahren zu können. 

 

Doch kaum waren Sie hier angekommen, verweigerte der damalige Bundestagspräsident, ein östlicher Wessi-Schinder namens Wolfgang Thierse, erstmalig in der Geschichte der Bundesrepublik allen Bundestagsbeschäftigten den arbeitsfreien Rosenmontag. Auch am höchsten katholischen Feiertag des Rheinlandes müssen sie seither in der Diaspora zum Dienst erscheinen.  

 

Mit mutiger Entschlossenheit versuchten sie, ihr heimisches Brauchtum in hiesige preussische Gefilde hinüberzuretten. Im redlichen Bemühen um eine Assimilation an die neue fremde Umgebung wagte man sogar einige traurige Februare lang, Rosenmontags-Umzüge auf dem Kurfürstendamm zu veranstalten. Ein verzweifelter Versuch, die grimmige Witzigkeit der Berliner mit rheinischem Frohsinn zu verbinden. Etliche Rheinländer mussten allerdings bei diesem Experiment mit anhaltenden Weinkrämpfen in die umliegenden Krankenhäuser eingeliefert werden.

 

In einem Satire-Letter vom 24. Februar des Jahres 2000 habe ich darüber schon voll mitfühlender Anteilnahme berichtet. Hier ein Auszug: 

 

II.

Da rottet man sich zu seltsamen, archaischen Kulthandlungen zusammen, die die Eingeborenen der rheinischen Tiefebene seit Jahrhunderten pflegen und die man in nachsichtiger Untertreibung meist als ”närrisches Treiben” bezeichnet. In anderen halbwegs zivilisierten Gegenden nimmt man diese Riten immer wieder mit fasziniertem Schauder zur Kenntnis. Für die völkerkundlich Interessierten gibt es deshalb auch von solchen Anlässen ausführliche Fernseh-Übertragungen, die stets von neuem lähmendes Entsetzen in den rest-deutschen Wohnstuben auslösen.

 

So wird man Zeuge eines kollektiven Ausbruchs von organisierter Debilität, der berüchtigten ”dementia carnevalensis tremens”. Bei dieser Abart des Rinderwahnsinns verlieren die Debilen, in der medizinischen Fachwelt auch ”Jecken” genannt, alle natürlichen Hemmungen und regredieren ins animalischste Verhalten.  Der von der Epidemie Befallene ”verjeckisiert”. Er verliert den Gleichgewichtssinn und schwankt und schaukelt auch beim Sitzen nur noch hilflos hin und her, weshalb er sich haltsuchend bei seinen Neben-Jecken einhakt. Das allerdings führt dazu, daß sich die Schwankungen massieren. Dieses typische Symptom der Massen-Psychose nennen die Experten ”Schunkeln”. 

 

III.

Auch die Artikulationsfähigkeit ist bei diesen armen Opfern des allgemeinen Deliriums total gestört. Die meisten sind nur noch in der Lage, sinnlose Silben vor sich hin zu grölen – etwa ”Alaaf” oder ”Helau” oder ähnliche Sinnlosigkeiten. Dabei werden sie von krampfhaften Anfällen des irrsten Gelächters geschüttelt. Diese Lach-Konvulsionen werden von kurzen Pausen unterbrochen, in denen Unmengen von berauschenden Getränken in die heiser gelallten Kehlen geschüttet werden. Um es mit den Worten des bekannten Psychologen Georg Schramm zu sagen: ”Karneval ist ein grauenhaftes Beispiel dafür, was Alkohol aus einem Katholiken machen kann.”

 

Glücklicherweise ist man in Berlin dagegen immun. Hier wird gegen den katholischen Bazillus das alte protestantische Hausmittel verordnet: Ora et labora! Oder auf berlinisch: Ar-beete! 

 

Womit ich als satirischer Schwerstarbeiter meine  Schicht für heute beende. Es grüßt Sie wie immer herzlich und hirnlich

 

Ihr Martin Buchholz