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Satire-Letter Nr.761 vom 24. März 2026
JETZT IST’S EUNUCH!
I.
„Where is the beef?“ Diese in den USA sprichwörtliche Frage nach der Fleischzulage wurde in amerikanischen Wahlkämpfen immer mal wieder gestellt. Mir kam dieser wenig vegan-affine Satz unwillkürlich in meinen verwirrten Sinn, als die Immer-noch-SPD-Vorsitzende Bärbel Bas gestern in der ARD erklärte, warum sie gemeinsam mit dem Immer-noch-SPD-Vorsitzenden Lars Klingbeil unbedingt im Amt bleiben müsse. Sie meinte, dass angesichts der schwierigen Weltlage sich nicht auch noch die SPD „zerfleischen“ solle.
Moment mal, fragte ich mich, wo ist denn bei der SPD noch Fleisch zu sehen? Sie ist inzwischen doch nur noch Haut und Knochen. Schließlich hat man sich so lange ins eigene Fleisch geschnitten, bis nichts davon mehr da war. Und immer weniger Wähler sind daran interessiert, ein Skelett zu wählen. Da gibt es auch für den hungrigsten Kannibalen nichts mehr zu zerfleischen.
Wann immer die deutsche Sozialdemokratie sich zu einer programmatischen Kastration entschloss, und das tat sie in der bundesrepublikanischen Neuzeit sehr oft, hieß es zur Begründung, dies sei ein notwendiger, wenn auch schmerzhafter Prozess. Und zumindest das Schmerzhafte scheint mir glaubhaft bei solcher Selbst-Entmannung. So säbelt man sich selbst alle früheren Grundsätze weg, und der Sozialstaat kommt gleich mit unters Messer beziehungsweise unters Klingbeil. Wofür diese SPD heute noch inhaltlich steht, wird immer rätselhafter. Und irgendwann ruft dann der Wähler: Jetzt ist es eunuch!
Insofern hält es der derzeitige SPD-Spitzenmann immer noch mit Marx. Allerdings nicht mit Karl, sondern mit Groucho Marx. Der hat sein politisches Credo mal so formuliert. „Ich habe eiserne Prinzipien, aber wenn die Ihnen nicht gefallen, habe ich auch andere.“
II.
Und glauben Sie mir, es macht mir keinen Spaß, eine solche Kolumne zu schreiben. Wir würden in diesen Landen, wo die AfD-Seuche immer mehr um sich greift, eine andere, eine starke SPD dringend brauchen. Eine Sozialdemokratie, die nicht nur zaghaft versucht, die Asozialität der CDU etwas abzumildern, und die nicht nur herumeiert mit Floskeln von der „arbeitenden Mitte“, für die sie angeblich Politik macht. Doch ich fürchte, man klingbeilisiert dort weiter vor sich hin und gibt sich zufrieden, wenn man bei den nächsten Wahlen wenigstens mal wieder die Fünf-Prozent-Hürde schwer ächzend genommen hat.
Damit mache ich erst mal einen Punkt hinter diese SPD und diese Kolumne. Es grüßt Sie herzlich und hirnlich
Ihr Martin Buchholz
PS. Ein Hinweis für all jene, die bei mir signierte Exemplare meines letzten Buches „Männer, Macht und Mythen“ erwerben wollten und denen ich abschreiben musste, weil mein Vorrat erschöpft war: Inzwischen hat mir der Verlag wieder Bücher geliefert. Bei Interesse schreiben Sie mir bitte unter: kontakt@martin-buchholz.de. Kostenpunkt: 20 € plus 3 € Versandkosten.
Wäre doch übrigens auch ein sinnvolles Ostergeschenk, selbst wenn mancher Beschenkte stöhnen sollte: „Ach, du dickes Ei“.
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