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Bekenntnisse

Pulp Fiction – 

made in Germany

Nr. 547 – vom 13. Juli 2012
Neulich saß ich mit einem mir halbwegs bekannten Filmproduzenten in einem besseren Café. Der Filmmensch hatte mich eingeladen, und zwar „zu einem kleinen Brainstorm“, wie er keck anmerkte. Ich hatte mich vor etlichen Jahrtausenden auch mal als Drehbuch-Schreiber ausprobiert, wobei dieser Versuch mehr als unglücklich endete, denn das daraus resultierende Finalfiasko war hinterher im Kino zu besichtigen (allerdings hatte ich da meinen Namen schon aus dem Vorspann streichen lassen). Jedenfalls hatte sich besagter Produzent daran erinnert. Er saß mir da beim Nachmittags-Latte gegenüber und meinte, man müsse doch mal wieder „irgendwas Politisches“ machen fürs Kino. Ob ich da nicht ein paar Ideen hätte?
 
„Nun ja“, sagte ich zögerlich und schielte auf die Weinkarte. Er ließ sogleich ein erlesenes rotes Getränk auffahren, und nach zwei, drei Gläsern war ich brainstormmäßig so durch den Wind, daß ich es wagte, einige meiner kruden Ideen zu lüften.
 
Ich sinnierte in die Untiefen des Weinkelches hinein: „Mir schwebt da so was vor wie ein Polit-Thriller inklusive Dreiecks-Geschichte. Sagen wir mal: Zwei Männer, eine Frau.“
 
„Ach nee! Wirklich originell!“, grunzte der Produzent.
 
„Moment! Jetzt kommt erst der Clou: Die drei sind Neonazis und morden systematisch irgendwelche Türken oder Griechen. Und das zehn Jahre lang. Aber weder Polizei noch Staatsschützer kommen ihnen auf die Spur, obwohl sie über alle wichtigen Indizien verfügen.“
 
„Ach kommen Sie“, stöhnte der Produzent, „das ist mal wieder so eine linke Spinner-Story, wo die Ermittler insgeheim mit den Rechten paktieren...“
 
„...oder sie zumindest insgeheim finanzieren“, erwiderte ich. „Man sollte da vielleicht V-Leute ins Skript einbauen, die vom Verfassungsschutz bezahlt werden und die mit dem Geld ihre Neonazi-Vereine finanziell aufbauen.“
 
Der Produzent winkte ab: „Das nimmt uns doch keiner ab. So ein Skript sollte sich zumindest ein bißchen an der politischen Realität orientieren. Außerdem klingt mir das alles viel zu bierernst. Die Leute erwarten heute knallharte Action und dazwischen deftige Macho-Komik.“
 
„Wäre auch zu machen“, überlegte ich. „Man könnte da einen der staatlichen Obermacker zum Komiker machen, irgendwo im Osten, wo ja alles möglich ist. Thüringen zum Beispiel. Natürlich ein Wessi, der da durch Zufall in Erfurt stinkbesoffen auf einer Party ist, und jemand steckt ihm dabei eine Ernennungsurkunde in die Manteltasche. Und am nächsten Tag ist er Verfassungsschutzpräsident. Und keiner weiß hinterher, wer ihn ernannt hat. Ist doch irre komisch, oder?“
 
Der Produzent wieherte lustlos: „Hahaha! Mehr irre als komisch. Hören Sie auf mit dem Quatsch!“
 
Ich goss mir noch einen Wein ein. „Mensch, lassen Sie doch mal ein bißchen ihre Phantasie spielen. Natürlich ist das absolut irrealer Trash. Pulp Fiction. Aber auf so was stehen die Leute doch. Fragen Sie Quentin Tarantino, der würde den Stoff sofort verfilmen. Man muß die Sache nur absolut überkandideln, den Wahnsinn auf die Spitze treiben. Wenn zum Beispiel Johnny Depp diesen obersten Verfassungsschützer spielt oder Brad Pitt mit Zickenbart als Glorious Bastard. Dem könnte ich da wunderbare Szenen ins Drehbuch schreiben, wie er zum Beispiel verkleidet als General Ludendorff barfuß durch sein Amt paradiert und alle Frauen seines Büros Spalier stehen müssen...“
 
„Verscheißern kann ich mich selber!“ Der Produzent wirkte zunehmend säuerlich. „Ich brauche einen Stoff, der zumindest halbwegs glaubhaft wirkt. Sie haben doch jeden Bezug zur Wirklichkeit verloren. Mit Ihrer perversen politischen Phantasie versuchen Sie mir demnächst vielleicht noch ein Skript anzudrehen, in dem ein deutscher Regierungschef plötzlich total durchdreht...“
 
„Aber ja!“, rief ich, „Aus der Idee ließe sich was machen: Ein Ministerpräsident zum Beispiel, der um seine Wiederwahl bangen muß und der einen Schulfreund bittet, für ihn einen Energiekonzern zu kaufen – natürlich total überteuert und ohne das Parlament zu fragen. Der Schulfreund ist ein geldgeiler Investmentbanker und erteilt ihm per Mail seine Befehle – zum Beispiel, daß der mit seiner Mutti zu reden habe, und damit ist die Kanzlerin gemeint, damit die wiederum...“
 
„Schluß jetzt!“ Der Produzent war aufgesprungen und spießte mit erigiertem Zeigefinger auf mich ein. „Ich werde meinen Ruf als ernstzunehmender Filmemacher nicht aufs Spiel setzen, nur weil ein drittklassiger, durchgeknallter Drehbuch-Autor inzwischen offenbar schwer auf Drogen ist. Mit ihren krankhaften Gehirnwucherungen sollten Sie sich schnellstens in eine geschlossene Abteilung einweisen lassen. Da finden Sie vielleicht noch irgendeinen Irren, der Ihnen Ihre Stories abnimmt.“
 
Und damit entschwand er und ließ mich sitzen. Er hatte ja recht. Ich hätte meine überbordende Imagination etwas zügeln sollen. Ich bestellte noch einen Wein und ließ mir die Zeitung bringen. Die schlug ich dann auf, um mich wieder einzustimmen auf ganz authentische, normale Geschichten, wie sie auch tatsächlich in der Wirklichkeit passieren.